Life In Compression Slogan von PowerSprotte

Ein Jahr Post-OP: Was hat die Liposuktion bewirkt?

Zahlreiche Fragen, Unsicherheiten und Hoffnungen zum Thema Liposuktion wurden mir zugetragen und ich hoffe, ich kann mit den folgenden Zeilen die meisten eurer Fragen beantworten.


Liposuktion: Pre-OP – Von Verzweiflung, Geld und Schmerzen

Wie oft saß ich im Auto, auf der Couch, beim Arzt und ließ die Tränen einfach laufen. Verzweifelt, hoffnungslos, dass dieser Zustand meines Lebens sich doch noch einmal zum Guten wendet. Ich habe trainiert, abgenommen, jeden Tag die Kompression getragen, eine Reha gemacht, … und nun habe ich den Kampf verloren. Fast unmöglich noch Auto- oder Bahnfahrten schmerzlos entgegen zu sehen, geschweige denn einen langen Flug zu buchen. Schlaflose Nächte raubten mir die Nerven. Die Sackgasse, in der ich mich wiederfand, nahm mir die letzte Kraft, den Kopf oben zu halten. Ich kenne also die Ausweglosigkeit, die einen zu der Entscheidung drängt, die Liposuktionen durchführen zu lassen. Auch wenn diese vermaledeiten Krankenkassen sie nicht übernehmen wollen. Aber der Preis für diesen Ausweg geht weit über das finanzielle hinaus.

Wir wollten nach unserer Hochzeit in den Flitterwochen in die USA fliegen. Ein Flug, dem ich mit wachsender Besorgnis entgegen sah. Wir hätten die Lymphmanschette ins Gepäck kriegen müssen. Und die Kompression, reicht das, sie 4 Wochen lang nur mit der Hand zu waschen? Wie sollte ich das überstehen, wenn ich keine halbe Stunde im Auto sitzen konnte? So kam mein Mann auf mich zu und nahm mir die schwerwiegende Entscheidung ab.

Urlaub können wir immer machen. Wir sollten das Geld für unsere Flitterwochen in etwas besseres investieren.“

Die Anträge bei meiner Krankenkasse wurden abgelehnt und wir sahen uns vor einer Ausgabe von ca. 14.000 Euro für drei Liposuktionen. Was für eine Verantwortung lag in diesem Moment auf meinen Schultern. Das war einmal Traumurlaub USA und eine neue Küche in meinen Beinen und Armen. Und was passiert, wenn es nicht hilft? Wenn es Komplikationen gibt? Wenn es danach noch schlimmer aussieht? Ist es das Wert, unseren Traum aufzugeben und ein Jahr massive Einschränkungen in Kauf zu nehmen, nur um meiner Hoffnung nach Lebensqualität nachzugehen?

Ich bin froh, dass er mir diese Entscheidung abgenommen hat. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, wo es doch auch seine Flitterwochen gewesen wären.

Die Liposuktionen

Vier Tage nach unserer Hochzeit war es soweit und ich wurde zur ersten Liposuktion gebeten. Beiden Beinen wurde im vorderen Bereich eine Menge von ca. 4-5 Litern (so genau weiß ich das nicht mehr) abgesaugt. Das war bei meiner Statur eine gute Portion.

Von schrecklichem Schüttelfrost geplagt bin ich zwischen der Injektion der Tumeszenzlösung und der Absaugung aufgewacht. Aber das Team der Praxisklinik am Flüsschen sollte sich an diesem Tag nicht zum letzten Mal als vertrauenswürdig, herzlich und fürsorglich erweisen. Ich wachte also nach der Prozedur auf und, alter Schwede, das war hart. Mein Puls ist bei solchen Eingriffen immer ein wenig kritisch, aber wenn man literweise Flüssigkeit in die Beine gespritzt bekommt, muss man auch sehr dringend auf die Toilette. An einem Arm mein Mann, am anderen Arm die Schwester, half man mir beim Laufen, was ein schrecklich unangenehmes Gefühl war. Aufgedunsene taube Beine fühlen sich nicht besonders angenehm an. Aber der Horror sollte erst noch kommen.

Die ersten Tage zuhause waren von Schmerzen, die heftigstem Muskelkater gleichen, und leckenden Löchern in meinen Beinen geprägt. Das Lecken allein ist nicht das Schlimmste, sondern der Verbandswechsel und der Versuch, die Kompression über die Pflaster zu heben, ohne, dass sie sich wieder aufrollen. Das Schlafen bei Nacht, ohne auf der Seite liegen zu können. Die Strumpfhose einen Monat Tag und Nacht tragen zu müssen. Und für mich persönlich, als sehr geruchssensibler Mensch, der „Gestank“ der Flüssigkeit, die meine Beine wieder verließ. Ich konnte das nicht ertragen und es ekelte mich an.

Die zweite Liposuktion verlief ganz nach Plan, denn das Klinik-Personal und ich waren schon ein eingespieltes Team. Mein Mann stand mir zuhause wieder die erste Woche tatkräftig zur Seite. Die Verbandswechsel liefen schon routiniert ab, ich wusste ungefähr, was auf mich zukam und die Schmerzen unterschieden sich nur darin, dass in der ersten Liposuktion die Innenseiten abgesaugt wurden und dieses Mal es die Außenseiten waren. Mir schmerzten die Hüften am stärksten, wobei nach der ersten mir die Knie am meisten zu schaffen machten.

Komplikationen ernst nehmen

Die dritte Liposuktion sollte eine besondere Herausforderung werden, denn die Arme waren dran. Die Einschränkung könnt ihr euch wahrscheinlich vorstellen, aber diese ging überraschend schnell wieder vorbei. Eines Abends jedoch wurde mir schrecklich kalt und ich fror unaufhörlich. Ich packte mich mit Decken zu, machte mir eine Wärmflasche und trotzdem war mir kalt. Nach einiger Zeit kam ich endlich auf die Idee, mal Fieber zu messen. Jackpot: Ich hatte erhöhte Temperatur. Das prophylaktisch eingenommene Antibiotikum hat den Infekt nicht abwehren können und Eile war gefragt. Wir fuhren auf Rat meines operierenden Arztes zum ärztlichen Notdienst und bekamen ein auf Penicillin basierendes Medikament verschrieben. Es half und ich wurde gesund. Noch einmal wünsche ich mir diese Art von Abenteuer jedoch nicht.

Alles in allem ist das Vorhaben gut geglückt, alles zufriedenstellend verheilt und ich ward 11,4 Liter Lipödem-Fett leichter. Auf der Waage darf man die gleiche Zahl nicht erwarten, aber effektiv waren es vielleicht 3–4 Kilo Unterschied.

Der Alltag

Jeweils einen Monat nach den OPs musste ich mich noch sehr zurücknehmen und an Sport war nicht zu denken. Dadurch, dass wir alle Liposuktionen mit einem bis maximal eineinhalb Monaten Abstand duchgezogen haben, wuchs mein Hunger nach Bewegung unendlich an. Während der Heilung versuchte ich viel zu Fuß zu gehen, aber jede Erschütterung der Beine habe ich allzu deutlich gespürt. Es dauerte also seine Zeit, bis ich wieder Gewichte stemmen oder Joggen konnte. Nach ca. drei Monaten Post-OP war ich so langsam wieder normalisiert und das Gewebe gewann an Gefühl zurück, die Schwellungen blieben aus und ich konnte wieder unbeschwerter Leben.

Aufgrund meines Schreibtisch-Alltags hatte ich auf der Arbeit kaum Probleme, außer, dass Treppensteigen in den anfänglichen Wochen noch ein Problem darstellte oder ich öfter mal aufstehen musste. Aber sobald ich trocken war, ging ich wieder geregelt meinem Tagewerk nach.

Liposuktion: Post-OP – Besserung, ja. Heilung, nein.

Und so stehe nun heute hier. Trage trotzdem meine Kompression, nachdem ich Monate der Abstinenz die Tendenz zu Einlagerungen und leichten seltenen Schmerzen bemerkte und denen sofort Einhalt bot. Ich würde meinen neu erlangten Gesundheitszustand auf keinen Fall gefährden wollen. Meine familiär bedingte Lymphschwäche ist leider nicht zu leugnen und ich fühle mich besser damit, die konservative Therapie fortzuführen. Ich wünschte, ich könnte euch schreiben, ich sei befreit. Ich hätte die Kompressionsbestrumpfung in die Ecke geworfen und wäre wie eine Elfe so leicht davongetanzt. Aber die Realität ist weitaus nüchterner.

Sicher, ich kann wieder Autofahren, ich fühle mich nicht mehr tagtäglich eingeschränkt, ich habe Ballast verloren. An den Armen hat der Eingriff optisch nicht viel verändert, doch auch hier hat es sich gelohnt und die Schmerzen sind deutlich zurückgegangen. Aber der Preis und der Aufwand waren hoch. So hoch, dass ich bete, das nicht noch einmal durchleben zu müssen. Es hat sich für mich gelohnt, aber ich kann euch keine eindeutige Empfehlung für oder wider diesen Schritt geben, denn letztendlich ist das Ergebnis stark von eurem Befund abhängig, die finanzielle Last erheblich und die benötigte Kraft dafür nicht immer aufzubringen. Mein Mann und unser Umfeld haben viel dafür getan, meinen Mut aufrecht zu halten, wenn ich ihn in Tränen erstickt habe. Und ich werde ihnen dafür auf ewig dankbar sein, denn ihr Umgang mit meiner Krankheit ist nicht selbstverständlich.

Heilen kann man ein Lipödem nicht. Man kann den Ist-Zustand deutlich verbessern, viele Schmerzen ersparen und ein leichteres Leben führen. Das Lipödem wird uns jedoch nach wie vor ein Leben lang begleiten, und wenn es nur Erinnerungen sind.




Dieser Artikel ist in Kooperation mit medi entstanden.
Bilder: Michaela Kern


Wer bloggt hier: Caroline Sprott

Caroline Sprott ist nicht nur eine bekannte Lipödem-Betroffene, sondern auch Autorin, Vortragsrednerin, Kompressionsmodel, Podcast-Moderatorin und inspiriert seit vielen Jahren als motivierende Healthfluencerin in den sozialen Medien tausende von Flachstrick-Heldinnen. Statt sich von ihrer Erkrankung Lipödem entmutigen zu lassen, nutzt sie ihre jahrelange Erfahrung, um anderen auf verschiedensten Plattformen Mut zu machen und Bewusstsein für diese oft missverstandenen Krankheiten zu schaffen. Bekannt für ihr herzliches und ehrliches Engagement für Menschen mit Lip- und Lymphödemen, ist sie zu einer wichtigen Stimme in der Community geworden. Die „Power Sprotte“, wie sie sich selbst nennt, betreibt die umfangreichste patientengeführte Website für Menschen, die eine Kompressionsversorgung tragen, und einen Online-Shop für alles, was man für ein gutes Selbstmanagement braucht.



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