Life In Compression Slogan von PowerSprotte

Die Befreiung: Ein Mann in Flachstrick mit Shorts

Ich möchte hier speziell auf die „modische“ Problematik eines männlichen Kompressionsträgers eingehen, aus ganz persönlicher Sicht. Als ich mich vor einigen Monaten verstärkt um meine postthrombotischen Beine und eine optimale Kompressionsversorgung zu kümmern begann, hatte ich auch den Plan gefasst, in Zukunft etwas zu ändern:

„Ich wollte im Sommer nun Flachstrick mit Shorts tragen. Kurze Hosen habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr getragen.“

Zeitnah nach meinen Thrombosen, als junger Mann, hatte ich mich getraut, trotz hautfarbener Kompression auch mal kurze Hosen zu tragen. Ich habe mich dabei aber immer unwohl gefühlt. Ja, ich habe mich geschämt. Irgendwann habe ich es ganz sein gelassen, um stressfreier in die Öffentlichkeit gehen zu können. Allenfalls bei manchen Rennradausfahrten waren meine hautfarbenen Wadenstrümpfe noch sichtbar. Aber bei der Fahrt muss ich mich nicht lange anstarren lassen.


So geht es nicht weiter

Nachdem wir letztes Jahr diesen schrecklich heißen Sommer hatten (und dieses Jahr ist es ja wieder so), war klar, dass dies nicht mehr so weiterging. Ich bin schon unter gemäßigteren Bedingungen sehr wärme-empfindlich, komme leicht ins Schwitzen. (Dafür friere ich so gut wie nie.)

Als sich abzeichnete, dass es jetzt auf eine lange Bestrumpfung hinauslaufen wird, weil diese meine Venenprobleme adäquater versorgen, erkannte ich darin einen weiteren Vorteil: von der Ästhetik her sehen lange Strümpfe unter einer Shorts oder einer knielangen Hose besser aus als Wadenstrümpfe. Finde ich. Mein Entschluss stand also fest.


Männer in bunter Flachstrick mit Shorts?

Auf den Webseiten mancher Hersteller konnte ich dann eine Vielfalt an Farben und Mustern bewundern, die es damals überhaupt nicht gab. Standard war damals hautfarben, wenn man Glück hatte auch noch schwarz. Und auf Carolines Blog konnte ich dann sehen, dass diese schönen Strümpfe auch tatsächlich offen getragen werden (können). Die Begeisterung wich dann aber wieder meiner Unsicherheit: auf den Fotos sehe ich schöne Frauen, die diese Strümpfe in aller Buntheit völlig „unsanktioniert“ tragen können: es sieht einfach toll aus. Aber ich als Mann? Die meisten Farben kamen für mich als Mann schon mal gar nicht in Frage (obwohl ich sie schön finde). Muster erst recht nicht. Ich dachte sogar, ob es nicht am besten wäre, bei hautfarben zu bleiben. Gerade damit alle sehen, dass es sich um medizinische Strümpfe handelt. Und ich kein Freak bin. Frauen mit Strumpfhosen sind ja ein völlig gewohntes Bild und wird von den meisten Menschen wohl auch als ästhetisch angesehen. Aber Männer mit Strumpfhosen (oder langen Strümpfen)? Kann nur ein Fetischist sein, oder bestenfalls schwul. Auch wenn ich selbst nichts gegen diese Personengruppen habe, wollte ich aber selbst nicht als zu so einer zugehörend angesehen werden.


Unsicherheit in der Öffentlichkeit

Bevor ich meine neuen Flachstrickhosen bekam und schon das Sommerwetter begann, zog ich meine hautfarbene („Caramel“) Rundstrickhose unter einer knielangen Jeanshose an. Als ich zum ersten Mal das Haus verließ, kam ich mir fast nackt vor. Es war so angenehm, wieder vermehrt Luft an die Unterschenkel zu bekommen. Aber ich war sehr unsicher jedes Mal, wenn mir Personen entgegenkamen, oder ich an einer Gruppe von Personen vorbei gehen musste. Bei älteren Personen vertraute ich eher darauf, dass sie wissen, dass ich die Strümpfe aus medizinischen Gründen und nicht zum Spaß trage. Ich erinnere mich, zwei junge Frauen kamen mir entgegen und lachten hinter mir laut auf. War das wegen mir oder haben sie sich gerade etwas Lustiges erzählt? Diese Gedanken kennen wahrscheinlich viele. Wenn ich selbst irgendwo sitzen konnte, Beine unter dem Tisch „versteckt“, ging es besser. Und nach mehreren Malen in der Öffentlichkeit wurde es ein wenig leichter.


Meine erste Flachstrick-Versorgung

Das Abholen meiner ersten Flachstrickhose fiel zusammen mit dem ersten richtig heißen Tag dieses Sommers. Beim ersten Anprobieren im Sanihaus war ich doch etwas geschockt, wie dick eine Flachstrickhose in KKL III ist. Meine Sanifee machte mir Mut, dass es darin auch nicht wärmer sei als in den dünneren Rundstrick. So verließ ich den Laden an diesem heißen Tag mit knielanger Jeans und Flachstrick in Anthrazit. Diese Farbe fand ich noch am ehesten „männertauglich“. Abgesehen davon finde ich die Farbe generell sehr schön. Vielleicht könnte man „objektiv“ bemängeln, dass es nicht gerade eine „Sommerfarbe“ sei.


Neugierde ist völlig normal

Wie auch immer, die Hose war extrem bequem und mit dem Anthrazit fühlte ich mich auch in der Öffentlichkeit sofort wohl. Dadurch bekam ich einen gewissen Selbstvertrauensschub. Abgesehen von ein oder zwei Tagen, an denen das Wetter nicht so gut war, bin ich in den letzten zwei Monaten nur mit kurzer Hose in die Öffentlichkeit gegangen. Und das in allen Situationen. Und jede neue Situation bringt vorher erst einmal eine Unsicherheit mit, insbesondere, wenn es sich um Leute handelt, die einen schon kennen (aber ohne sichtbare Kompression). Verschiedene Kollegenkreise, große Familienfeier, Restaurants, Fußgängerzone, usw.

Und ich muss sagen: es hat nicht die geringste negative Reaktion aus diesen Kreisen gegeben. Das ist sehr wichtig für das Selbstvertrauen, wenn man bei seinen Peers mit seinem Outfit sozusagen „anerkannt“ ist, dann fühlt man sich auch in fremder Öffentlichkeit sicherer. Ich registriere natürlich öfter, dass Menschen überrascht auf meine Strümpfe gucken oder teilweise sogar starren. Man muss sich aber auch klar machen, dass dies erst einmal völlig normal ist. Nicht, weil die Strümpfe hässlich wären, sondern einfach, weil es ein ungewohntes Bild ist: als Mann mit langen Strümpfen, dazu noch an heißen Tagen, … Das Starren ist also zunächst einmal keine Bewertung. Es ist einfach auch eine Neugierde. Das ist vollkommen normal.


Eine Befreiung

Natürlich gibt es immer noch die eine oder andere Unsicherheit. Aber der Sommer, durchweg in kurzer Hose, ist bisher viel besser gelaufen als vorher befürchtet. Und das gibt mir ein deutlich verbessertes Lebensgefühl. Ja, insofern ist es wirklich eine Befreiung. Denn es hilft mir natürlich auch, mit dem heißen Wetter besser klar zu kommen. In Deutschland war es sehr heiß (jetzt schon wie letzten Sommer), in Italien, wo ich kürzlich beruflich und privat zwei Wochen war, noch heißer. So kann ich von einigen Situationen von bis zu 38 Grad im Schatten berichten. Und im Schatten finde ich es wirklich sehr gut auszuhalten. (Das längste war ein tatenreicher 16-Stunden Arbeitstag in Kompression bei der Hitze.) Störenden Schweiß empfinde ich höchstens oberhalb der Strumpfhose; an den Beinen nehme ich Schwitzen so gut wie gar nicht wahr. Und ich genieße jeden Luftzug, der an meine Unterschenkel kommt. (Ist noch besser, wenn ich die Hose umschlage, so dass sie oberhalb des Knies endet.) Ich fühle mich so definitiv besser als letzten Sommer mit Wadenstrümpfen und langer Jeans. Sicher: eine Strumpfhose erzeugt eine gewisse Zusatzwärme am Unterleib. Einige weitere praktische Nachteile hat eine Strumpfhose gegenüber Wadenstrümpfen natürlich unbestreitbar. Aber solange die Vorteile überwiegen, ist das noch okay. Und am Allerwichtigsten ist: meine Beine fühlen sich trotz der Hitze gut an, praktisch beschwerdefrei. Venenprobleme, Schwellungen etc. nehmen ja bei Wärme deutlich zu. Aber die stabile Flachstrick scheint diese Problematiken gut im Zaum zu halten.


Meine Hilfe bei Unsicherheiten mit Kompression

Ich möchte nochmal die wichtigsten Punkte aufzählen, die mir helfen, meine Unsicherheiten beim Tragen von Flachstrick mit Shorts in der Öffentlichkeit gering zu halten:

1. Ich fühle mich körperlich in meinen Strümpfen sehr wohl, und ich merke, wie gut sie meinen Beinen tun. Ich fühle mich mit der Kompression stabiler und sicherer. Und an heißen Tagen ist der Wohlfühlfaktor mit kurzer Hose viel größer. Das ist doch die Hauptsache!

2. Ich selbst finde, dass meine Strümpfe gut aussehen (und da kann ich auch die Naht nicht als unästhetisch empfinden, was ja oft behauptet wird). Sie formen meine Beine auch schön.

3. Ich selbst finde Männer in Strumpfhosen (oder was auch immer) überhaupt nicht anstößig. Es sind nur meine Gedanken, was „die“ Gesellschaft vermeintlich darüber denken könnte. Aber „die“ Gesellschaft besteht nur aus Individuen, die wahrscheinlich ebenso denken, was vermeintlich „erlaubt“ sei und was nicht. Es liegt also an uns Individuen selbst, dieses vermeintliche Bild mitzubestimmen.

4. Mir ist klar, dass man bei Menschen um sich herum den Gedanken, dass etwas „falsch“ ist, suggeriert oder sogar provoziert, wenn man selbst unsicher ist und damit hadert; das überträgt sich. Man bestimmt also ein wenig mit, wie andere Menschen einen beurteilen. Wenn man selbst völlig natürlich und offen damit umgeht, dann empfinden auch andere das eher als natürlich. Wie schon erwähnt, dass Menschen gucken, weil sie etwas Ungewohntes sehen, ist völlig normal und ist zunächst keine Bewertung.

5. Eine im Bekannten- und Kollegenkreis erworbene Sicherheit trägt auch in fremden Öffentlichkeiten.

Zudem: die Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten doch sehr verändert. Rigide gesellschaftliche Konventionen werden immer weiter gelockert. Es ist immer mehr möglich, auch Flachstrick mit Shorts. Das ist gut so!


Flachstrick mit Shorts – Was denkt ihr?

Ich bin sehr an Rückmeldungen interessiert. Auch an Tipps, was ich „als Mann“ noch für Farben (der Kompression) tragen könnte. Und evtl. doch sogar auch Muster? Ich frage mich selbst, ob etwa „Animal in Grau“ von medi ein nächster Schritt sein könnte. Ich spiele auch mit dem Gedanken, an solchen 38-Grad Tagen eine ganz kurze Hose, die fast den ganzen Oberschenkel frei lässt, in der Öffentlichkeit anzuziehen (die ich mir allerdings erst noch kaufen müsste). Tipps?



Dieser Artikel ist in Kooperation mit medi entstanden.
Bilder: Michaela Kern


Wer bloggt hier: Dirk



Angesagte Artikel




© 2024 · All rights reserved

Impressum · Datenschutz · Mediakit · Social Media