Lipödem und Ernährung: Mythen, Halbwissen und was wirklich stimmt
Keto oder doch lieber Low Carb? Kein Zucker, keine Milch, kein Gluten, aber bitte auch nicht zu viel Eiweiß? Wer sich durch Instagram, Foren und Bücher zur Lipödem-Ernährung klickt, hat am Ende oft mehr Angst als Antworten. Genau darüber habe ich in Folge 120 vom Mutmaschen Podcast mit Ernährungstherapeutin Andrea Barth gesprochen, und ich verspreche dir: Das ist keine gewöhnliche Folge über Ernährung.

Andrea ist Diplom-Ökotrophologin, führt seit über 20 Jahren ihre eigene Praxis für Ernährungstherapie in Esslingen und leitet die Selbsthilfegruppe Lipladies. Sie hat selbst ein Lipödem und kennt beide Seiten. Wie immer gilt: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder ernährungstherapeutische Beratung.
Warum dich Ernährungstipps bei Lipödem so verwirren
Andrea und ich kennen uns seit gefühlt 15 Jahren und haben miterlebt, wie mit Instagram und Co. auch die Flut an Tipps gewachsen ist. Die meisten meinen es gut. Man hört etwas immer öfter, irgendwann fühlt es sich wahr an, und dann gibt man es weiter. Bei Betroffenen kommt davon vor allem eines an: Druck. In Andreas Praxis weinen viele Lipödem-Patientinnen in der ersten Stunde, vor Erleichterung oder vor Frust, weil sie nicht mehr wissen, was sie überhaupt noch essen dürfen.
Antientzündliche Ernährung ist ein Lebensstil, keine Verbotsliste.
Andrea Barth
5 Mythen über Lipödem-Ernährung im Faktencheck
Mythos 1: „Lipödem ist sport- und diätresistent“
Heilen lässt sich das Lipödem durch Ernährung und Bewegung nicht. Resistent ist es deshalb noch lange nicht: Schmerz und Lebensqualität sprechen sehr wohl auf den Lebensstil an. Welcher Moment Andreas Schmerzen verändert hat und warum ich trotz Liposuktion noch kleine Reste spüre, erzählen wir dir in der Folge.
Mythos 2: „Bei Lipödem musst du dich ketogen ernähren“
Andrea hat selbst drei Monate streng ketogen gelebt, als Teilnehmerin einer Studie. Ihre Erfahrung war so eindrücklich, dass ich sie dir nicht vorwegnehmen will. Fest steht: Eine norwegische Studie zeigt, dass eine kohlenhydratärmere Ernährung Lipödem-Schmerzen lindern kann. Streng keto muss es dafür nicht sein.
Andreas Weg: Sie arbeitet mit ihren Patientinnen eher mit 40 bis 45 Prozent Kohlenhydraten. Das ist schon Low Carb, kommt ohne Verbote aus und lässt sich auch im Familienalltag durchhalten.
Mythos 3: „Antientzündlich heißt: Diese Lebensmittel sind verboten“
Lange galt eine Entzündung als Ursache des Lipödem-Schmerzes. Neuere Studien zeigen, dass sie wohl nicht der einzige Auslöser ist. Eine gemüse- und eiweißreiche, vielseitige Ernährung bleibt trotzdem der Grundstock, nur gehören Schlaf, Bewegung, Stressabbau und Pausen genauso dazu. Andrea hat dafür ein wunderbares Bild mit einer Autobahn und ihren Leitplanken.


Mythos 4: „Zu viel Eiweiß schadet bei Lipödem“
Dieser Mythos macht mich richtig wütend, denn ohne Eiweiß wachsen keine Muskeln, und Muskeln sind die beste Gesundheitsvorsorge. Andrea erklärt in der Folge, wie viel Eiweiß du wirklich brauchst und welchen Rechenfehler fast alle machen.
Kleiner Vorgeschmack: Gerechnet wird nicht mit deinem aktuellen Gewicht. Bei den meisten Frauen landet man bei etwa 90 bis 120 Gramm Eiweiß am Tag, nicht bei 200.


Mythos 5: „Die Waage zeigt, ob du erfolgreich bist“
Die Waage misst die Schwerkraft, mehr nicht. Beim Lipödem führt auch der BMI in die Irre: Eine Studie mit 607 Patientinnen zeigt, dass er Adipositas deutlich überschätzt. Nach dem Verhältnis von Taillenumfang zu Körpergröße war sogar rund jede siebte Frau untergewichtig.


Was in der Folge noch steckt
Wir sprechen außerdem darüber, warum deine Verdauung nicht im Magen, sondern schon beim Sehen und Riechen beginnt, was wir über das Mikrobiom beim Lipödem wirklich wissen und wie du dich auf Hormonumschwünge und Wechseljahre vorbereiten kannst. Hör unbedingt rein, es lohnt sich: Folge 120 auf Spotify.
Psst: Mein drittes Buch dreht sich ums Essen
Ich verrate dir ein kleines Geheimnis: Ich schreibe gerade an meinem dritten Buch, und darin geht es um Ernährung bei Lipödem. Ohne Verbotslisten, ohne Angst, dafür mit echtem Wissen für deinen Alltag.
Mit wem ich es schreibe und was alles drinsteckt, verrate ich dir bald auf Instagram. Das Schönste daran: Du darfst es mitgestalten! Damit du nichts verpasst, wenn es losgeht, melde dich jetzt für meine Sprottenpost an. Dort erfährst du als Erste, wann das Buch erscheint.
Häufige Fragen zur Lipödem-Ernährung
Kann man mit Lipödem abnehmen?
Ja, der Körper nimmt insgesamt ab, und viele Betroffene erleben, dass sich auch die Lipödem-Areale mitverändern. Die krankhaft veränderten Fettzellen lassen sich durch Ernährung und Sport aber nicht gezielt verkleinern.
Muss ich mich bei Lipödem ketogen ernähren?
Nein. Eine kohlenhydratärmere Ernährung kann Schmerzen lindern, streng ketogen muss sie dafür nicht sein. Ernährungstherapeutin Andrea Barth empfiehlt etwa 40 bis 45 Prozent der Energie aus Kohlenhydraten.
Wie viel Eiweiß brauche ich bei Lipödem?
Als Orientierung gelten 1 bis 1,2 Gramm pro Kilogramm, gerechnet mit dem oberen Normalgewicht. Bei den meisten Frauen sind das etwa 90 bis 120 Gramm am Tag.
Hilft antientzündliche Ernährung bei Lipödem?
Eine gemüse- und eiweißreiche, vielseitige Ernährung ist eine gute Grundlage. Antientzündlich ist aber vor allem ein Lebensstil mit Schlaf, Bewegung und Stressabbau, keine Verbotsliste.
Ist der BMI bei Lipödem aussagekräftig?
Nur eingeschränkt. Er überschätzt Übergewicht und Adipositas beim Lipödem oft. Das Verhältnis von Taillenumfang zu Körpergröße bildet die Fettverteilung besser ab.
Zum Schluss
Andreas Wunsch an alle, die über Lipödem sprechen, auch an mich: sachter formulieren, eigene Erfahrungen klar als solche kennzeichnen und motivieren statt Angst machen. Wenn du dir eine individuelle Begleitung wünschst, findest du Andrea auf ihrer Website ernaehrungstherapie-barth.de und auf Instagram unter @ernaehrungstherapie_barth.
Jetzt erzähl du mal: Welcher Ernährungsmythos hat dich am meisten verunsichert? Schreib es mir in die Kommentare.
Mehr Mythen rund ums Lipödem findest du in 7 Lipödem-Mythen und was die Wissenschaft wirklich sagt, mehr zur Ernährung in der konservativen Therapie in Ernährung und Lipödem: So unterstützt du die konservative Therapie optimal.
Quellen: Lundanes J et al. (2024): Effect of a low-carbohydrate diet on pain and quality of life in female patients with lipedema: a randomized controlled trial. Obesity.
Brenner E et al. (2023): Body mass index vs. waist-to-height-ratio in patients with lipohyperplasia dolorosa (vulgo lipedema). Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. doi.org/10.1111/ddg.15182
Dinnendahl R, Hucho T et al. (2024): Non-obese lipedema patients show a distinctly altered quantitative sensory testing profile with high diagnostic potential. PAIN Reports 9(3): e1155. doi.org/10.1097/PR9.0000000000001155
Hinweis: Dieser Artikel gibt ein Podcastgespräch und persönliche Erfahrungen wieder und ersetzt keine ärztliche oder ernährungstherapeutische Beratung. Sprich Ernährungsumstellungen, besonders bei Vorerkrankungen, mit deiner Ärztin oder einer Ernährungsfachkraft ab.
Wer bloggt hier: Caroline Sprott

Caroline Sprott ist Pionierin der Lipödem-Community. 2011 zeigte sie sich als erste Person weltweit in Kompression auf Instagram. Heute inspiriert sie als Autorin, Speakerin und Podcast-Hosterin tausende Betroffene. Mit ihrem Blog Powersprotte, dem Mutmaschen-Podcast und zwei Büchern prägt sie die Lymphologie mit Herzlichkeit und Humor. Seit über 10 Jahren arbeitet sie eng mit medi zusammen und ist Brückenbauerin zwischen Patienten und Fachschaft. Ihre Mission: Menschen mit Lipödem und Lymphödem zeigen, dass sie alles haben, um trotz chronischer Diagnose glücklich zu sein.
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