Tattoos bei Lipödem: Was du vor dem Stechen wissen solltest
Kaum ein Thema landet so regelmäßig in meinem Postfach wie dieses: „Caroline, darf ich mir mit Lipödem überhaupt ein Tattoo stechen lassen?“ Ich verstehe die Frage total, denn Tattoos sind für viele von uns eine wunderschöne Möglichkeit, den eigenen Körper selbst zu gestalten. Gleichzeitig schwirren da sofort Gedanken an Lymphsystem, Farbpigmente und Kompression durch den Kopf. Unser Körper ist eben eine Leinwand mit ganz besonderen Anforderungen.

Wie immer vorab: Das hier ist meine persönliche Erfahrung als Betroffene und keine medizinische Beratung. Ob ein Tattoo für dich infrage kommt, besprichst du am besten mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, vor allem bei Lymphödem, nach einer Thrombose oder wenn du Blutverdünner nimmst.
Ich bin selbst an Armen, Beinen und am Bauch tätowiert und habe mich in meiner Folge vom Mutmaschen Podcast zu Tattoos bei Lipödem, Lymphödem und Thrombose ausführlich mit dem Thema beschäftigt. In diesem Artikel bekommst du die wichtigsten Antworten auf einen Blick, dazu neue Forschungsergebnisse, die ich mir seitdem noch einmal genauer angeschaut habe.
Darf man sich mit Lipödem tätowieren lassen?
Ein generelles Tattoo-Verbot bei Lipödem gibt es nicht. Es gibt allerdings auch keine Studien, die speziell die Sicherheit von Tattoos bei Lipödem untersucht haben. Wichtig sind ein hygienisch arbeitendes Studio, eine gute Vorbereitung und eine sorgfältige Pflege danach. Sprich vorher mit deiner Ärztin, vor allem wenn zusätzlich ein Lymphödem besteht.
Am Ende ist es wie so oft eine sehr persönliche Entscheidung, die ich dir auf keinen Fall abnehmen will.
Mir tut es psychisch unglaublich gut, gerade die Stellen zu verzieren, zu denen ich mich sonst nicht allzu gern zugehörig fühle. Genau diese Stellen gefallen mir heute so viel besser.
Mein Tipp fürs Studio: Erzähl deinem Tätowierer offen von deinem Lipödem und frag nach seiner Erfahrung damit. Nimm dir, wenn er einverstanden ist, ein eigenes Kissen mit, das man steril einwickeln kann. Die Liegen sind nämlich so hart, dass meine Lipödem-Stellen nach einer Weile jedes Mal anfangen zu schmerzen.


Ist ein Tattoo bei Lymphödem gefährlich?
Beim Tätowieren entstehen viele kleine Verletzungen in der Haut, die das Lymphsystem mit abtransportieren und verarbeiten muss. Bei einem Lymphödem gilt deshalb die Regel, Verletzungen an den betroffenen Stellen möglichst zu vermeiden, weil jede kleine Wunde eine Eintrittspforte für ein Erysipel sein kann.
Meine klare Empfehlung: An Stellen, die von einem Lymphödem betroffen sind, würde ich mich nicht tätowieren lassen.
Eine kleine belgische Beobachtungsstudie hat außerdem mit einer speziellen Fluoreszenz-Bildgebung unter die Tattoos von 19 Menschen geschaut. Bei acht von ihnen fanden die Forschenden Veränderungen der feinen Lymphbahnen in der Haut, sieben davon an den Beinen. Was das langfristig bedeutet, wissen sie selbst noch nicht. Genau deshalb würde ich bei einem ohnehin belasteten Lymphsystem lieber ausweichen. Warum ich trotzdem nicht in Panik verfalle, erzähle ich dir in der Folge.

Gelangt Tattoofarbe in die Lymphknoten?
Ja. Ein Teil der Farbpigmente wird über die Lymphbahnen abtransportiert und lagert sich in den nächstgelegenen Lymphknoten ab. Eine deutsch-französische Forschungsgruppe konnte 2017 nachweisen, dass dabei organische Pigmente, Schwermetalle und Titandioxid aus der Haut bis in die Lymphknoten gelangen, vor allem die kleinsten Partikel.
Hier muss ich mich übrigens selbst korrigieren: In der Folge habe ich noch gesagt, dass das nur in extrem seltenen Fällen passiert. Das stimmt so nicht, der Transport in die Lymphknoten ist gut belegt.
Was die Pigmente dort langfristig bewirken, ist allerdings noch offen. Eine große schwedische Studie hat 2024 untersucht, ob tätowierte Menschen häufiger an Lymphdrüsenkrebs erkranken. Das Risiko lag bei Tätowierten um etwa 21 Prozent höher, der Unterschied war statistisch aber nicht eindeutig. Die Forschenden betonen selbst, dass damit kein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bewiesen ist und weitere Studien nötig sind. Falls du dir dazu eine eigene, neue Folge wünschst, schreib mir gern.
Tut ein Tattoo an Lipödem-Stellen mehr weh?
Das ist sehr individuell und hängt stark von der Körperstelle ab. Lipödem-Gewebe ist oft druck- und berührungsempfindlich, deshalb empfinden manche Betroffene das Tätowieren dort als schmerzhafter. Eine verlässliche Regel gibt es aber nicht, wissenschaftlich untersucht ist die Frage bisher nicht.
Bei mir war es genau umgekehrt, als ich erwartet hatte. Arme und Beine sind bei mir beide operiert, man könnte also meinen, dass sie sich ähnlich anfühlen. Reingefallen: Am Arm war das Stechen fast schon entspannend, während Waden, Fuß und Bauch die reinste Hölle waren. Bereut habe ich es trotzdem keine Sekunde.
Wann darf ich nach dem Tattoo wieder Kompression tragen?
Ich persönlich lasse die Kompression auf einem frisch gestochenen Tattoo weg, bis die Haut vollständig abgeheilt ist und sich nicht mehr schuppt. Wie lange das dauert, ist unterschiedlich, bei mir sind es meist etwa eineinhalb Wochen. Andere Betroffene machen gute Erfahrungen damit, direkt wieder Kompression zu tragen, mehr dazu im Nachtrag weiter unten. Kläre das vorab mit deinem Tätowierer und deiner Ärztin oder Lymphtherapeutin.
In dieser Zeit trage ich höchstens meine Bankl, also die Besser-als-nix-Kompressionsleggings, dazu weite Kleidung, damit ich mich mehrmals am Tag eincremen kann. Erst wenn alles komplett verheilt ist, kannst du sanft anlymphen und deine gewohnte Kompression wieder anziehen.
Pflege auf Dauer: Weil wir durch die Versorgung ohnehin zu trockener Haut neigen, pflege ich meine verheilten Tattoos regelmäßig, damit das Motiv nicht ausbleicht. Ich nutze dafür meinen Bio-Balsam Arnika Yeah, am liebsten abends nach dem Ausziehen der Kompression.
Mehr zur Hautpflege unter der Kompression findest du in meinen Tipps zur Hautpflege bei Lipödem und Lymphödem.
Nachtrag: Eine andere Erfahrung aus der Praxis
Nach der Folge hat mir die Tätowiererin Nadja Frey (Instagram: @nadja_mae_tattoo) geschrieben, die selbst ein Lipödem hat, seit vielen Jahren tätowiert und regelmäßig auch Kundinnen mit Lipödem sticht. Ihre Rückmeldung möchte ich auf keinen Fall ungehört lassen, denn sie zeigt wunderbar, wie unterschiedlich unsere Erfahrungen sein können. Deshalb bekommt sie hier ihren Platz, und in einer kommenden gemeinsamen Podcastfolge greifen wir das Thema noch einmal ausführlich auf.
Was sie aus ihrer Praxis berichtet:
- Kompression direkt nach dem Stechen: Sie findet es kritisch, pauschal auf Kompression zu verzichten. Sie selbst hat nach jedem Tattoo direkt wieder Kompression getragen und rät dazu, wenn es die Schmerzen zulassen. Bei ihren eigenen Vergleichen mit und ohne Kompression kam es ohne eher zu Heilungsproblemen und Wassereinlagerungen.
- Verlaufene Farbe: Dass Farbe durch die Kompression verläuft, hält sie für ausgeschlossen. Sogenannte Blowouts, also unscharf auslaufende Linien, entstehen aus ihrer Sicht eher durch das oft schwächere Bindegewebe bei Lipödem und dadurch, dass viele Tätowierer*innen nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.
- Tattoofarben: Das EU-weite Verbot bestimmter Farbpigmente hat ihrer Erfahrung nach manches sogar verschlechtert, weil die Ersatzfarben schlechter kontrolliert seien.
- Pigmente in den Lymphknoten: Den Abtransport in die Lymphknoten hält sie zumindest bei reinem Lipödem für unbedenklich, anders als bei einem Lymphödem.
Ich finde es wertvoll, dass hier jemand spricht, der beide Seiten kennt: die Liege und den Hocker daneben. Meine eigene Erfahrung mit der Kompression ist eine andere, und genau das zeigt, dass es den einen richtigen Weg nicht gibt. Ob du nach dem Stechen direkt wieder Kompression trägst, besprichst du am besten vorher mit deiner Tätowiererin oder deinem Tätowierer und mit deiner Ärztin oder Lymphtherapeutin. Bei den Langzeitfolgen der Pigmente in den Lymphknoten bleibe ich persönlich vorsichtig, weil die Forschung dazu noch keine endgültige Antwort hat.
Danke Nadja, für deine offene und ausführliche Nachricht. Genau solche Rückmeldungen machen unsere Community so wertvoll!
Was gilt bei Thrombose oder Blutverdünnern?
Wenn du schon einmal eine Thrombose hattest, ein erhöhtes Risiko hast oder blutverdünnende Medikamente nimmst, sprich unbedingt vorher mit deiner Ärztin. Blutverdünner können dazu führen, dass es beim Stechen stärker blutet, was die Arbeit und die Heilung erschweren kann.
Ein Tattoo ist cool, ein Blutgerinnsel definitiv nicht.
Lieber einmal mehr nachfragen, ob das in deinem Fall in Ordnung ist, als hinterher mit einem mulmigen Gefühl auf der Liege zu liegen.
Häufige Fragen zu Tattoos bei Lipödem
Darf man sich mit Lipödem tätowieren lassen?
Ein generelles Tattoo-Verbot bei Lipödem gibt es nicht. Wichtig sind ein hygienisch arbeitendes Studio, eine gute Vorbereitung, sorgfältige Pflege und vorher ein Gespräch mit deiner Ärztin, vor allem bei zusätzlichem Lymphödem.
Ist ein Tattoo bei Lymphödem gefährlich?
An Stellen mit Lymphödem solltest du Verletzungen und damit auch Tattoos möglichst vermeiden, weil jede kleine Wunde ein Erysipel begünstigen kann.
Gelangt Tattoofarbe in die Lymphknoten?
Ja, ein Teil der Farbpigmente wird nachweislich in die nächstgelegenen Lymphknoten transportiert. Welche Langzeitfolgen das hat, ist noch nicht geklärt.
Tut ein Tattoo an Lipödem-Stellen mehr weh?
Das ist sehr individuell. Lipödem-Gewebe ist oft druckempfindlich, eine verlässliche Regel gibt es aber nicht, und wissenschaftlich untersucht ist die Frage bisher nicht.
Wann darf ich nach dem Tattoo wieder Kompression tragen?
Dazu gehen die Erfahrungen auseinander. Ich lasse die Kompression weg, bis die Haut verheilt ist und sich nicht mehr schuppt, andere tragen sie direkt nach dem Stechen wieder. Kläre das vorab mit deinem Tätowierer und deiner Ärztin oder Lymphtherapeutin.
Die gute Nachricht zum Schluss
Ein Lipödem bedeutet nicht, dass du auf Tattoos verzichten musst. Es braucht nur ein bisschen mehr Planung, ein Studio, das dich ernst nimmt, und ein waches Auge für dein Lymphsystem. Hol dir vorher Rat, sei es bei deiner Ärztin, bei deinem Tätowierer oder in der Sprottenflotte, denn genau dafür sind wir da. Vielleicht findest du am Ende ja den perfekten Platz für dein Motiv, an dem du dich jeden Tag ein bisschen mehr zu Hause fühlst.
Meine persönlichen Erfahrungen und noch mehr Tipps hörst du in der ganzen Podcastfolge zu Tattoos bei Lipödem. Die Forschung zu Tattoofarben und Lymphsystem bewegt sich gerade sehr. Wenn du dabei auf dem Laufenden bleiben möchtest, abonniere meinen Newsletter. Dorterfährst du als Erste, sobald es Neues gibt.
Jetzt erzähl du mal: Hast du ein Tattoo oder überlegst du noch? Schreib mir gern in die Kommentare, an welcher Stelle und warum.
Quellen: Schreiver I, Hesse B, Seim C, Castillo-Michel H, Villanova J, Laux P, Dreiack N, Penning R, Tucoulou R, Cotte M, Luch A (2017): Synchrotron-based ν-XRF mapping and μ-FTIR microscopy enable to look into the fate and effects of tattoo pigments in human skin. Scientific Reports 7, 11395. doi.org/10.1038/s41598-017-11721-z
Bourgeois P, Roman MM, Schweicher J, Lavoisier P, Maquet P, Karler C, Lizewski M, Fouarge A, Cuylits N, del Marmol V, Leduc O (2023): Lymphatic Alterations Under Tattoos: Preliminary Reports of One Observational Study. Clinical, Cosmetic and Investigational Dermatology 16, 257–265. doi.org/10.2147/CCID.S393038
Nielsen C, Jerkeman M, Jöud AS (2024): Tattoos as a risk factor for malignant lymphoma: a population-based case-control study. eClinicalMedicine 72, 102649. doi.org/10.1016/j.eclinm.2024.102649
Hinweis: Dieser Artikel ist eine persönliche Einordnung und ersetzt keine ärztliche Beratung. Sprich für deinen konkreten Fall mit deiner behandelnden Ärztin oder deinem Arzt.
Wer bloggt hier: Caroline Sprott

Caroline Sprott ist Pionierin der Lipödem-Community. 2011 zeigte sie sich als erste Person weltweit in Kompression auf Instagram. Heute inspiriert sie als Autorin, Speakerin und Podcast-Hosterin tausende Betroffene. Mit ihrem Blog Powersprotte, dem Mutmaschen-Podcast und zwei Büchern prägt sie die Lymphologie mit Herzlichkeit und Humor. Seit über 10 Jahren arbeitet sie eng mit medi zusammen und ist Brückenbauerin zwischen Patienten und Fachschaft. Ihre Mission: Menschen mit Lipödem und Lymphödem zeigen, dass sie alles haben, um trotz chronischer Diagnose glücklich zu sein.
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